Vals im Dilemma

Visualisierung des Hotelturms von Thom Mayne

Visualisierung des Hotelturms von Thom Mayne

Das Bergdorf Vals steht vor einer Entscheidung. Der Investor Remo Stoffel plant einen 381 Meter hohen Hotelturm, so sollen der Ort und die Therme auch in Zukunft attraktiv bleiben.

In Vals ist man nicht glücklich über den Verkauf der Therme an Stoffel, es war offenbar kein gutes Geschäft für die Gemeinde. In naher Zukunft sollen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger darüber entscheiden, ob der Turm wie vorgesehen gebaut werden darf. Wenn nicht, will Remo Stoffel seine Investitionen einstellen.

Interessant ist nicht nur diese bedauerliche Vorgeschichte, sondern auch die Visualisierung des US-amerikanischen Architekten Thom Mayne, die als Vorlage für den Hotelturm gilt. Der geplante Turm soll weit grösser werden als dargestellt, mit 380 Metern wäre er dann das höchste Gebäude Europas.

Die Bar.

Die geplante Hotelbar: Wird man hier von einer Welle den Abgrund hinuntergespült, wenn man am Fenster sitzt?…

Die Klientel für das Luxushotel kombiniere geschäftliche und private Aktivitäten auf Reisen, findet der Investor. Je höher ein Objekt und je mehr Raumvolumen, so Stoffel, «desto freier fühlen sich die Gäste in luftiger Höhe.»
Was wären das wohl für Gäste, die genau dieses Erlebnis suchen? Gemäss Feng Shui ist eine günstige Erdung bis etwa zum 3. Geschoss gewährleistet. In höher gelegenen Objekten müsste je nach Bestandesaufnahme die Erde gestärkt werden, damit die Wohnenden beispielsweise den Bezug zur Realität behalten oder zur Ruhe kommen können.
Ich stelle mir die Erfahrung, weit oben im Turm zu nächtigen oder in der Bar am „Abgrund“ einen Drink zu nehmen, interessant vor. Dass sich dabei das Gefühl von reiner Freiheit einstellt, bezweifle ich stark. Die Gefühle „Freiheit“ und „Sicherheit“ schliessen sich zwar in vielen Fällen aus. Das heisst aber nicht, dass Freiheit das gleiche ist wie Unsicherheit. Im Valser Turm spiegelt sich nicht die Freiheit, sondern die Unsicherheit:

– Das Fundament ist dünn. Die Grundfläche ist zuoberst grösser als zuunterst. Das bedeutet auch: Man baut auf ein zu kleines und deshalb unsicheres, ungenügendes Fundament!
Es gibt Bereiche ganz ohne Fundament, in denen die Erdung komplett fehlt.
– Die Fenster sind zumindest in der Bar bodentief, es gibt keinen Halt, die Energie rutscht in den Abgrund.
– Der Turm sieht nicht stabil aus. Hätte ein Kind ihn gebaut, wären wir versucht, die unsichere Bauweise zu korrigieren und zu stabilisieren. Der Anblick widerstrebt unserem Gefühl und unserer Erfahrung von Sicherheit und Stabilität. Dass man in diesem Turm beruhigt schläft, glaube ich nicht.
– Der Turm repräsentiert krassestens das Element Holz, es steht für Wachstum. Es drängt sich mir der Gedanke auf, ob es Remo Stoffel ausschliesslich um möglichen schnellen Profit geht. Klar, er ist Investor und es seine Aufgabe, rentabel zu arbeiten. Höchstwahrscheinlich ist er aber dafür bereit, die Interessen aller anderen zu übersehen und zu übergehen. Er baut auf ein ungenügendes Fundament (s. oben). Er denkt nicht nachhaltig (Erde), sondern sieht den kurzfristigen Nutzen (Holz, Luft). Er baut ein Symbol des überdimensionierten Profits in ein bescheidenes Bergdorf. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns so etwas nicht stutzig machen darf.

Therme

Therme

Der Hang, auf dem der Turm zu stehen kommen soll, ist rutschgefährdet, die Verankerung im Boden wäre kompliziert. Befürchtet wird, dass die Valserquelle durch die nötigen Massnahmen im Boden beschädigt werden könnte. Auch in diesem Umstand spiegelt sich die Unsicherheit par Excellence: Nehmen die Valser den Turm, gefährden sie ihre Quelle.

Stoffel selbst pokert gleich mehrfach: Neben der riskanten Projekt- und Geschäftsidee versucht er, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zu erpressen. Lehnen sie eine neue Bau- und Zonenordnung und somit den Turm ab, will er den Geldhahn zudrehen.

107 Zimmer im Turm
Geplant sind 107 Luxus-Hotelzimmer. Die 1 ist der Pionier. Die 0 der Ursprung allen Seins, die Kreativität. Auch in der 7 findet sich die Kreativität und die Leichtigkeit. Diese Attribute beschreiben das innovative, mutige Projekt treffend. Nun könnte man die Null aber auch als Leerraum zwischen der 1 und der 7 deuten. Wären die Ziffern in 17 in Kontakt, sind sie in 107 getrennt. Die Trennung (Polarität) weist auf das Unerlöste einer eigentlich kreativen Idee: Ohne Verbindung wird die 1 zum Ego-Spiel und die 7 zum (luftigen!) Leichtsinn. Die Quersumme 8 steht für Macht und Ohnmacht – mehr muss ich dazu nicht sagen.

Therme

Therme

Die Therme, das Element Wasser, steht für Gefühle. Ihre erdige Bauweise spiegelt tiefgründige, dunkle, verborgene Gefühle. Die Therme ist ein Ort der Ruhe, vielleicht sogar der Suche. Die Räume haben etwas Düsteres, Beängstigendes. Davor fürchten wir uns: unseren dunklen Gefühlen in der Tiefe zu begegnen. An manchen Orten in den Bädern ist der Ausgang nicht sichtbar, die Räume sind eng und im Verhältnis sehr hoch, man fühlt sich ausgeliefert.

Die wässrig-erdige, tiefgründige Yin-Therme stünde im krassen Gegensatz zum grössenwahnsinnigen, leichtsinnigen Yang-Turm.
Yin und Yang sowie die fünf Elemente sollen ja im Ausgleich sein. Repräsentieren sie jedoch solche Extreme, ist ein Nebeneinander unangenehm.

Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Valserinnen und Valser entscheiden. Sie haben es nicht leicht!

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